Archiv für November, 2007
Deutschlands Eltern sind schon seltsam. Nicht nur, dass sie immer älter werden, sie kleben förmlich an ihren Kids. Ich bin selbst ja auch so. In Ländern wie England, Frankreich oder den USA sieht das ganz anders aus. Hier werden die Kids viel eher “weggeparkt”, um berufstätige Mütter zu entlasten. Und als Resultat dieses frühen Abnabelns machen die Kids auch viel eher ohne ihre Eltern Urlaub. Völlig selbstverständlich fahren Achtjährige mit Freunden in Sommerferienlager. Hunderte von Kids Summer Camps in den USA beglücken jedes Jahr hundertausende von Kindern und Jugendlichen. Und deren Eltern. Denn die haben Ruhe. Es gibt selbst Kreuzfahrtangebote nur für Kinder. In Deutschland schlicht undenkbar. Noch.
Ja, die Kids sind im Internet. Ohne Zweifel. Und oft. Aber sind sie deshalb süchtig, wie Thomas Hintz, seines Zeichens Psychologe am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit unlängst herausgefunden haben möchte? Und was bedeutet eigentlich “süchtig”? Sucht wird im Duden mit „krankhafter Übersteigerung von Bedürfnissen“ definiert. Wahrscheinlich medizinisch nicht sehr tragfähig, aber knackig. Um also beurteilen zu können, ob die Kids süchtig sind, müsste Herr Hintz a.) die Bedürfnisse der Jugendlichen kennen und b.) belegen, dass diese “krankhaft übersteigert” sind. Beides scheint mir mehr als fraglich.
Nach dem Radio und den Jugendzeitschriften geht es jetzt auch dem Fernsehen empfindlich an den Kragen: Das Medium Internet hat dem TV bei jungen Nutzern den Rang abgelaufen. Wie die noch handwarme Studie “Mediascope Europe 2007” berichtet, nutzen 75 Prozent der befragten 16- bis 24-Jährigen fünf bis sieben Tage die Woche das Internet. Der Fernseher kommt jedoch nur noch bei 66 Prozent der Probanden regelmäßig zum Einsatz. Somit liegen die Jugendlichen in der Fernsehnutzung satte 13 Prozent unter dem Durchschnitt aller Altersklassen. Das muss die Werbewirtschaft erstmal verdauen.
Um Gottes Willen. Sie haben es getan. “Jugendsprache unplugged” ist im Langescheidt-Verlag erschienen. “Die garantiert aktuelle Verständnishilfe für junge und alte Nicht-Insider … zeigt die ganze unverblümte Wahrheit über die Jugendsprache”, so die vollmundige Pressemitteilung. Ein ambitioniertes Projekt. Dass Langenscheidt konsequent und außerordentlich erfolgreich an seinem verstaubten Image arbeitet, zeigen Verkaufserfolge wie “Deutsch-Frau/Frau-Deutsch” mit Mario Barth oder “Chef-Deutsch/Deutsch-Chef” mit Bernd Stromberg alias Christoph Maria Herbst. Beide äußerst erfrischend und mit einer gehörigen Portion Selbstironie gespickt. Doch jetzt wagen sich die Orthographie-Puristen an ein heikles Thema: Die Jugendsprache.
Die Lage ist ernst. Sehr ernst. Und, wie ich meine, hoffnungslos. Die Auflagen der Jugendzeitschriften sinken ins Bodenlose. Unbarmherzig. Seit dem Jahr 2001 hat Flaggschiff BRAVO seine Auflage nahezu halbiert, von 895.000 auf 454.000 verkaufte Exemplare (IVW). Allein im vergangenen Jahr musste ein Rückgang von 16 Prozent hingenommen werden. Den Kontrahenten geht es nicht besser. Die Popcorn verlor 33 Prozent, die Hey! sogar fast 45 Prozent. Es gibt keine Gewinner, Ratlosigkeit macht sich breit. Verzweifelung.
Wie Sebastian Marquard in seinem Zeitschriftenblog berichtet, wird der Bendorfer Runway-Verlag ab dem 15. November “SLM - Das Second Life Magazin” auflegen. Mit satten 30.000 Exemplaren soll es in den Markt gedrückt werden. Imposant. Somit spielt das neue Magazin schlagartig in einer Liga mit so epochalen Titeln wie der “Pferde Börse” oder der “Opel Szene”. Erfolg kann man bekanntlich erzwingen - Mißerfolg wahrscheinlich auch. Der Copy-Preis beträgt stolze 3,99 €.
Die öffentlich-rechtlichen haben schwer mit der Überalterung ihrer Zuschauer zu kämpfen. Die Jugend boykottiert konsequent nahezu alle Sendeformate. Satte 59 Jahre beträgt das Durchschnittsalter des gemeinen ARD Zuschauers. Wohl gemerkt: Der Durchschnitt. Da muss ´was getan werden. Eine Ikone der Jugend muss her. Schnell. Da wirkt der “Schachzug” der ARD, Oliver Pocher an die Seite von Lästermaul Harald Schmidt zu stellen, schon geradezu verzweifelt. Nun, nach Ausstrahlung der zweiten Sendung, kann dieser klägliche Versuch getrost beerdigt werden. Warum?